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Die ganze Woche strahlendes
Sommerwetter, so richtig gemacht für Bergtouren. Doch für
das Wochenende war selbst am Freitagmorgen die Vorhersage
nicht mehr so gut: zwar noch sonnig am Samstag, am
Sonntag dann aber von Südwesten her eintreffende
Kaltfront mit Niederschlägen und Gewittern. Sollen wir,
sollen wir nicht? Nachdem das neuste Wetterbulletin am
Freitag Mittag eher eine Spur besser klang (Niederschläge
und Gewitter am Sonntag in der zweiten Tageshälfte),
nahm sich unser Tourenleiter ein Herz und meldete per
mail: "Nach langem hin und her hab ich mich
entschlossen einen Versuch zu wagen. Die Abfahrtszeit ist
ein bisschen humaner, neu 7.43 ab Basel Richtung Luzern.
Wir treffen uns auf dem Bahnsteig bei der Unterführung
so etwa 10 Minuten vor der Abfahrt. Hoffentlich erwischen
wir das Schönwetterloch."
So traffen wir uns zu nicht allzufrüher Stunde auf dem
Bahnhof, René, Herbert, Heiri und ich. Unser Spezialzug
(fährt nur Samstags vom 11. August bis 13. Oktober) war
fast leer. Kurz vor Abfahrt stieg noch jemand ein, mit
riesigem Rucksack und aussen aufgebundener Liegematte -
"geht wohl zelten, gehört also nicht zu unserer
Gruppe", schloss ich gleich. Das war allerdings zu
voreilig, stellte sich doch rasch heraus, dass Giorgio
sehr wohl zu unserer Gruppe gehörte, aber die
Gelegenheit nutzen wollte, sein neues Zelt zu testen. Nun
also zu fünft tuckelten wir Richtung Innerschweiz. In
Arth-Goldau stiess auch Rebecca zu uns, womit unsere
Gruppe nun vollständig versammelt war. Ein weiterer
Teilnehmer hatte kurzfristig abgesagt, da er sich beim
Treppensteigen den Fuss gezerrt hatte - ob aus Versehen
oder aus purer Vorfreude auf das Basler Fest entzieht
sich unserer Kenntnisse. So erreichten wir kurz nach 10
Uhr Erstfeld und von dort mit dem Alpentaxi über das
steile Alpsträsschen die Brücke auf dem Bodenberg (1000m)
im Erstfelder Tal. Die Sonne schien heiss vom strahlend
blauen Himmel und so schlug René vor, den etwas längeren,
dafür weniger steilen und vermutlich etwas kühleren der
zwei Hüttenwege zu wählen, den Chüeweg. Dieser
wunderschöne Weg führt dem schäumenden Alpbach nach
ins Tal hinein, mal rechts vom Wasser, mal links davon.
Nach der Steilstufe bei den Stäuben, kurz vor der Alp
Schattig Boden (1451m) gab es eine kurze Rast. Etwa einen
Kilometer weiter hinten macht der Weg eine scharfe Kurve
und steigt nun wieder talauswärts über einen Felsriegel
hoch, um schon bald das fantastische Hochmoor um den
Fulensee zu erreichen (1706m). Unser Marschtempo wurde
hier durch die reifen Heidelbeeren gebremst, und
ausserdem war das sowieso der ideale Platz für eine
ausgiebige Mittagsrast. Über der nächsten Steilstufe
war auch schon die Hütte zu sehen, also kein Grund zur
Eile. Das Wasser des Fulensees erreiche im Sommer gerne
mal 18 grad. Trotzdem konnte sich niemand von uns zu
einem Bad entschliessen. Stattdessen zogen wir
schliesslich weiter über die letzten paar Höhenmeter
hinauf zur Kröntenhütte (1903m). Hier roch es wunderbar
nach frisch gebackenen Wähen. Dazu gab es sogar starken
Kaffee aus der Maschine. Die Hütte wird von einem
kleinen Wasserkraftwerk mit Strom versorgt. Nachdem unser
Durst und Gluscht gestillt war, legte sich Heiri zwischen
die Alpenrosen um etwas Schlaf vorzuholen. Inzwischen
hatte Giorgio mit einiger Unterstützung auch ein
einigermassen flaches, nicht gar zu feuchtes, krötenreiches
Stück Boden gefunden, das geeignet schien um das Zelt
aufzubauen (gleich neben der Hütte). Die Kletterer
erkundeten nun die Routen am Kletterfels hinter der Hütte
und ich vertrieb mir die Zeit mit dem Beobachten der
verschiedenen Aktivitäten.
Im Laufe des Nachmittags waren noch einige Gruppen
eingetroffen. Um 18.30 gabs Abendessen in der vollen Hütte
(Suppe, Salat, Teigwarenmüscheli, Geschnetzeltes mit
Champignon respektive eine Spargel-Champignon-Mischung für
die Vegetarier, schliesslich zum Dessert Fruchtsalat mit
Schlagrahm). Das üppige Mahl löste einmal mehr die
Diskussion aus, wie weit der Luxus in den SAC Hütten
eigentlich getrieben werden soll. Sind Annehmlichkeiten
wie frischer Salat wirklich nötig oder könnte man nicht
auf einige Helikopterflüge verzichten? Obwohl geruchlose
WCs und Waschräume unter Dach (in manchen Hütten sogar
schon warme Duschen) angenehm sind, geht dadurch auch
viel der einstigen Hüttenromantik verloren und viele Hütten
sind kaum mehr von Berghotels zu unterscheiden.
Ein letzter Blick vor die Hütte - immer noch sehr warm
und klarer Himmel - dann zog ich mich unter die
Wolldecken zurück. Mit Ohropax ausgerüstet schlief ich
erstaunlich gut. So hörte ich auch nicht, wie es
draussen zu stürmen anfing. Der Wind blies so stark,
dass Giorgios Zelt einfach kollabierte, und er
schliesslich in den Essraum der Hütte fliehen musste.
Kurz nach 4Uhr wurden wir geweckt, Frühstück mit hier
gebackenem Brot und sogar Zopf und Flöckli. Draussen war
es nun wieder windstill, erstaunlich warm, und
schemenhaft konnte man in der Dunkelheit die umliegenden
Berge schwach erkennen. Kurze Zeit später waren die
Berge allerdings nicht mehr zu erkennen und statt dessen
fing es leicht zu regnen an. Sollen wir, sollen wir
nicht? Einige Gruppen hüllten sich in Regenschütze und
zogen los. Wir beschlossen noch ein bisschen in der Stube
sitzen zu bleiben und die weitere Entwicklung abzuwarten.
Es schien nun eher stärker zu regnen. Alternativen
wurden ausgeheckt und wieder verworfen, bis wir schon
fast sicher waren, einfach ins Tal abzusteigen -
vielleicht sollte ich doch endlich einmal Zeit haben,
meine Wohnung zu putzen? Doch es sollte anders kommen.
Kurz vor 6 Uhr kam Herbert aufgeregt rein, wir müssten
unbedingt einmal schauen kommen. Tatsächlich, die Wolken
hatten sich wieder etwas gehoben, der Regen hatte aufgehört,
man konnte im ersten schwachen Tageslicht die
Aufstiegsroute Richtung Krönten wieder erkennen und der
Himmel schien in diese Richtung sogar etwas heller.
Wenige Minuten später (genau um 6.02:22 auf Herberts Uhr)
marschierten wir los, die Stirnlampen konnten wir bereits
in der Hütte lassen. Wir folgten der blauweiss
markierten Route Richtung Graw Stock, zuerst auf einem
Weglein am Obersee vorbei, dann über den Ostgrat zum
Oberseemandli. Auf etwa 2200m Höhe erreicht man nach
einer kurzen Kraxelstelle mit Fixseil die Krete, mit jähem
Blick in die Tiefe und in die Eisschründe unter dem
Gross Spannort und der Schlossberglücke. Im Westen
hinter der Schlossberglücke, über dem Engelbergertal,
konnten wir ein kleines Ecklein blauen Himmel erkennen.
Gegen Osten war der Himmel allerdings immer noch mit
tiefschwarzen Wolken verhangen. Doch der Wind blies von Südwest
und liess uns optimistisch sein. Den Wegspuren entlang
der Krete folgend ging es nun südwärts zum Graw Stock (2456m)
und gleich dahinter stiegen wir zum Gletscherrand ab.
Hier öffnete sich der Blick über die Weite des
Glattfirns zwischen Schlossberglücke, Spannort, Zwächten
und Krönten. Der grösste Teil des Gletschers lag blank
vor uns, so waren auch die Spalten gut sichtbar. Es blies
ein unangenehm kalter Wind der uns weiter trieb. Mit
montierten Steigeisen in zwei Dreier-Seilschaften (René
- Rebecca - Giorgio, Herbert - Heiri - Claudia) stiegen
wir den paar grossen Spalten ausweichend gegen Südosten
den Gletscher hoch. Über ein kurzes Geröllband und ein
weiteres kurzes Gletscherfeld (hier nun schneebedeckt)
erreichten wir den Einstieg ins Geröll der Gipfelregion.
Hier deponierten wir unsere Steigeisen und Pickel und
nahmen die letzten etwa 200 Höhenmeter am kurzen Seil
gehend in Angriff. Den Steinmännchen und hin und wieder
Wegspuren folgend arbeiteten wir uns durch die
Steinbrocken hoch. Deutlich konnten wir beim Aufstieg die
verschiedenen Gesteinszonen in der Gipfelregion des Krönten
erkennen. Nach dem bräunlich grauen Gneis folgte über
ein kurzes Stück ein rötlicheres Gestein, gefolgt von
dunkelgrauem bis schwarzem schiefrigen Material. Tatsächlich
sah ich später in einer geologischen Skizze des Gebiets,
dass der untere Teil des Kröntens aus Erstfeldergneis
besteht, der überlagert ist von einer fast horizontal
liegenden autochthonen Sedimentkappe, die den Gipfel
bildet. Das letzte Stück zum Gipfel führt relativ flach
entlang des nicht extrem schmalen, aber doch stückweise
etwas ausgesetzten Grats mit eindrücklichen Tiefblicken.
Der eigentliche Gipfel mit dem Gipfelkreuz (3107.7m) ragt
ein paar Meter über den Grat hinaus. Er kann nur durch
Klettern erreicht werden. René stieg vor und sicherte
Rebecca und Giorgio im Nachstieg. Inzwischen hatte auch
ich genügend Mut gesammelt, um wenigstens den zwei, drei
Meter tiefer liegenden Gipfelabsatz zu erklimmen, den man
ohne eigentliche Kletterei, allerdings etwas luftig
erreichen kann. Herbert sicherte mich von oben am Seil,
so dass wirklich nichts passieren konnte.
Nachdem die Gipfelkletterer wieder auf den Grat abgeseilt
hatten und wir uns mit Zwischenverpflegung neu gestärkt
hatten, wurde noch schnell ein Gipfelfoto geschossen (Wolkenfetzen
versteckten gerade die Sicht) und dann gings wieder über
den Grat und durch das Geröll hinunter zu unserem
Material Depot am Schnee. Diesmal gab es nicht so kalte Hände
beim Anziehen der Steigeisen wie am Morgen. Schon bald
waren wir wieder auf dem Gletscher unterwegs Richtung
Graw Stock. Wir hielten etwas mehr rechts auf die Felsen
zu und verliessen den Gletscher etwas höher (ca 2610m)
als wir ihn am Morgen betretten hatten. Über Felsen und
ein langes, recht steiles Schneefeld, das man so recht
bis schlecht rutschen konnte, erreichten wir wieder die
Steinmännchen auf dem Graw Stock und den markierten Weg
zurück zur Hütte. Die Sicht von der Krete hinüber auf
die Gletscherabbrüche des Glattfirns vor dem Schwarz Stöckli
und tief hinunter ins darunterliegende Tal war auch bei
Sonnenschein nicht minder eindrücklich.
Zurück in der Hütte genossen wir erst so richtig unser
Picknick und natürlich Flüssiges in grossen Mengen.
Wieder roch es verlockend nach frischen Wähen, leider
waren diese aber immer noch im Ofen. Ob wir den für 16.30Uhr
angesagten Abmarsch bis Ende Backzeit noch verschieben könnten,
wurde nie wirklich geklärt. Schliesslich verliessen wir
die Kröntenhütte eine Viertelstunde später als geplant
- und trotzdem ohne Wähe... Für den Abstieg wählten
wir den anderen Hüttenweg, den Geisspfad. Dieser führt
nicht am Fulensee vorbei, sondern hält sich auf der
rechten Talseite über längere Zeit weit über dem
Talboden, gleich unterhalb von tollen Felsplatten. Die
Vegetation war üppig, hohe Farne, Blumen und wieder
viele Heidelbeeren und Himbeeren säumten den Weg. Da wir
die feinen Beeren nicht einfach ignorieren konnten,
hatten Rebecca und ich etwas Mühe, mit unseren Spitzenläufern
René und Herbert mitzuhalten, die anfangs ein enormes
Tempo hinlegten. Zum Glück waren da noch Heiri und
Giorgio (mit seinem riesigen, schweren Rucksack), die es
auch lieber etwas ruhiger nahmen. Bei der Hutzi-Tanne
neben und zwischen den Ameisenhaufen, machten wir eine
kurze Pause, und bestellten auch den Alpentaxi für
unsere Rückfahrt. Danach nahmen wir das letzte Stück in
Angriff, der Abstieg im ZickZack über den steilen Hang
hinunter nach Mettlen und von dort nach Bodenberg, wo wir
kurz vor halb sechs eintraffen. Auf dem Bodenberg fand an
diesem Tag ein lokales Schwingfest statt. Obwohl man
schon am abbauen war, konnten wir noch von der
Festwirtschaft profitieren und kühles Bier und andere
Gertränke kaufen. Der Alpentaxi brachte uns wenig später
wieder hinunter nach Erstfeld zum ersehnten Eis vom
Kiosk, und um 18.34Uhr fuhr ein Zug Richtung Zürich.
Nach Umsteigen in Arth-Goldau erreichten wir Basel kurz
vor 21 Uhr, mitten im Trubel der abreisenden Festtruppen
vom grossen Festumzug (500 Jahre Basel in der
Eidgenossenschaft).Es war ein wunderschönes
Wochenende, unter kundiger Führung auf einer tollen Tour
durch eine fantastische, abwechslungsreiche Landschaft,
mit überraschend gutem Wetter. Was will man noch mehr!
René, dem Tourenleiter, und Herbert, dem zweiten Seilführer,
ein herzliches DANKE SCHÖN!
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